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Kolumnen

01. April 2020 | Autor: Stephanie Jarnig

Dem Ingeniör ist nichts zu schwör *

Der Ingenieur weiß alles, kann alles und versteht alles. Das sagt zumindest der Ingenieur bei uns im Haus. Der Ingenieur kann sogar Sachen, die sonst keiner versteht. Zum Beispiel Feuer mit Modell-Elektromotoren erzeugen und ferngesteuerte Hubschrauber konstruieren. Und vor allem weiß er sogar, für was er das dann braucht. Außerdem ist der Ingenieur ...

ein Allroundtalent. Wenn er gerade Zeit hat, dann kann der Ingenieur Radios reparieren, Waschmaschinen zum Laufen bringen, Lampen aufhängen, Autos warten, Möbel aufbauen und manchmal sogar den Müll rausbringen. Man muss nur etwas Glück haben und ihm schnell genug den Rückweg versperren, wenn er einmal am Tag den Kopf aus seiner Tüftelwerkstatt steckt, um Luft zu bekommen.

Man sollte sich allerdings nicht in seine Werkstatt hineintrauen. Es könnte sein, dass man in dem Chaos mit dem Ellenbogen einen Eimer Terpentin umkippt, sich an der Holzfräsemaschine schneidet, die aus Platzgründen mitten im Raum steht oder einem von irgendwo ein Kasten mit Schraubenziehern in 1.367 verschiedenen Größen auf den Fuß fällt. Aber zumindest ist das schon ein Fortschritt. Vorher stand das alles im Wohnzimmer.

Weil der Ingenieur sich so gut auskennt, braucht er keine Aufbauanleitungen. Auch nicht der Ingenieur bei uns im Haus. Das kann ganz praktisch sein. Muss es aber nicht. Mein Schlafzimmerschrank beispielsweise hat keine Ähnlichkeit mehr mit dem Modell, das ich im Möbelhaus gesehen hatte. Der fertige Schrank war zwar in der Anleitung abgebildet – aber die aufzuschlagen wäre eine Beleidigung für die naturgegebene bautechnische Kreativität eines jeden echten Ingenieurs gewesen. Ich hatte ihm das Papier noch vor die Nase gelegt – aber er hat es nicht registriert, weil er damit beschäftigt war, im Internet nach Argumenten zu suchen, warum ein neuer Schlagbohrer hermuss.

Die Hälfte der mitgelieferten Schrauben für meinen Schrank hat dann keinen Verwendungszweck mehr gefunden. Dafür aber ein neues Brett, weil er das alte an der falschen Stelle angebohrt – und erst im Nachhinein enttäuscht gemerkt hat, dass man für IKEA-Möbel eigentlich überhaupt keine Bohrmaschine braucht. Der Schrank ist zum Schluss etwas schief geworden – aber der Ingenieur weiß sich zu helfen, greift nach der Aufbauanleitung und bastelt aus den Schnipseln einen Keil. Der liegt jetzt unter meinem Schrank. Tja: Dem Ingeniör ist nichts zu schwör!

Als Wiedergutmachung – und weil sich die vielen Werkzeuge, die ein Ingenieur im Laufe seines Lebens anschafft, ja auch irgendwie rechnen müssen, habe ich bei ihm einen ganzen Satz Schubladen auf Maß und eine Lösung für stromsparende kabellose Schrankbeleuchtung bestellt. Der Ingenieur ist dann ganz fiebrig mit den Ausmessungen in seiner Werkstatt verschwunden. Meinen Tischbrunnen und den defekten Wasserkocher hat er auch mitgenommen.

Hoffentlich kommt er da dieses Jahr wieder raus.

Ihre Stephanie Jarnig

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