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Kolumnen

11. Juli 2020 | Autor: Stephanie Jarnig

Zurückbleiben bitte!

Montagmorgen, 8:04 Uhr, Marienplatz. Ein Traum für alle U-Bahn-Vielfahrer. Ich hole tief Luft und steige über den Spalt zwischen Bahnsteig und Zug, nur um gleich darauf wieder rückwärts hinauszustolpern – irgendwer, der praktischerweise zeitunglesend in der Mitte der U-Bahn saß, hat wohl mal wieder erst festgestellt, dass er aussteigen muss, als die U-Bahn schon fast wieder am losfahren war. Hanna Mißbach

Was soll's, jetzt bin ich drin – naja, zumindest meine Zehenspitzen, der Rest von mir ragt noch gefährlich weit in den Bahnhof. „Geht doch bitte mal in die Gänge, hier ist kein Platz mehr!" – „Ich muss aber bei der nächsten Station eh raus!" Immer dasselbe – irgendwas muss der Mittelteil der U-Bahn an sich haben, es scheint allen lieber zu sein, sich im Sauna-ähnlichen Eingangsbereich gegenseitig zu zerquetschen, als zwei Schritte in den Gang zu gehen. Man könnte ja am Ende nicht mehr rauskommen. Drinbleiben müssen. Bis zum Endhalt Garching-Forschungszentrum. Ja ne, is klar.

Zwei Minuten und drei ellbogenboxende Großmütter später („Ich muss bei der nächsten Station raus, steigen Sie auch aus??") mache ich brav das Bäumchen-wechsel-dich-Spiel mit, aussteigen, an den Rand stellen um Leute rauszulassen, darum kämpfen, selbst wieder einsteigen zu dürfen („Bitte nutzen Sie alle Türen" – „Der nächste Zug steht schon im Tunnel hinter uns"). Mein Geruchssinn wird um ein paar mir noch völlig unbekannte Aftershave-Noten erweitert, nicht alle unbedingt bereichernd finde ich. Auf den gefühlten 100 Quadratzentimetern U-Bahn-Boden, die mir zur Verfügung stehen, balanciere ich bis zum nächsten abrupten Halt, der mich ordentlich zum Wanken bringt – aber macht ja nichts, ist ja kein Platz zum Umfallen.

Die letzte Station schaffe ich jetzt auch noch, sage ich mir, durchaus versucht, einfach auszusteigen und bis zur Haltestelle Giselastraße zu laufen. Dann hätte ich zwar mehr Platz, zeitlich würde es aber eng werden. Nein, ich schaffe das. Nochmal Luft anhalten und bis 100 zählen – geschafft! Frische Luft und - oh wie schön, die Rolltreppe ist außer Betrieb. Naja, ich habe mich heute ja noch kaum bewegt, Treppensteigen ist gesund!

Ich freue mich schon auf morgen früh – da ist wieder irgendein Streik oder die Oberleitungen müssen mal wieder getauscht werden oder so – jedenfalls wird's dann schon in der S-Bahn um 7:38 schön kuschelig voll...

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