Kontakt
Community

Community

Kolumnen

06. Juni 2012 | Autor: Stephanie Jarnig

E...straße

Es gab mal eine Zeit, da standen die Technik und ich uns noch friedlich und einvernehmlich gegenüber. Unsere Freundschaft basierte auf der stillschweigenden Übereinkunft, dass wir uns tunlichst aus dem Weg gehen. Inzwischen musste ich einsehen, dass nichts mehr geht ohne Navi, ohne Laptop, Internet, ohne Smartphone, ohne mp3-Player, ohne erneuerbare Energien. Wirklich als nützlich erwiesen hat sich beispielsweise ...

das Navi, denn ich mochte Geografie und Landkarten noch nie. Beispielsweise kann ich mir nie merken, ob dieser gute Italiener jetzt in der linken oder rechten Parallelstraße zum B...weg zu finden war, oder, Moment mal, war das doch in einem ganz anderen Stadtteil ...? Verständlicherweise stiftet da ein Blick in die Straßenkarte nur noch mehr Verwirrung. Wer kann die lesen? Ich nicht.

Hier wieder ein exemplarischer Tag aus meinem Leben: Dieses Mal bin ich Beifahrerin, und das kann ich eigentlich ganz gut; nur ist heute das Navi ausgefallen und wir wissen den Weg nicht. Ich sitze also mit der sauber gefalteten Straßenkarte auf dem Schoß da und schaue ratlos drein.
„Weit kann es nicht mehr sein. Such mal die E...straße."
Ich suche also die E...straße, finde sie aber nicht und finde auch die Straße nicht, auf der wir uns gerade befinden. Vielleicht sollte ich mal die Brille aufsetzen. Viel besser.

Aber auf der Karte sind immer noch lauter Linien und Kringel und abgeschnittene Stadtteilnamen, keine E...straße. Während ich die Karte hin- und herdrehe und immer ratloser dreinblicke, erscheinen die ersten Anzeichen von Nervosität auf Seiten des Fahrers. Ist diese Karte überhaupt noch aktuell? Ich schaue im Straßenverzeichnis nach und übe mich in Origami-Falttechnik. Bevor ich wieder den richtigen Ausschnitt auf der Vorderseite gefunden habe, ertappe ich mich dabei, wie ich hinten im Verzeichnis minutenlang gedankenverloren nach der Auswahl suche: „Kürzeste Route. Autobahnen berücksichtigen." Schließlich finde ich in der Karte den O...weg, an dem sind wir vor 15 Minuten vorbeigekommen.

Mit dem Finger fahre ich die Linien entlang, aber das nutzt auch nicht viel. Kurzzeitig breite ich die Karte in der Windschutzscheibe aus, aber das passt dem Fahrer gerade nicht so. Also wer will denn bitte die Straße wissen? In welchem Stadtteil befinden wir uns überhaupt? Der Fahrer, natürlich ein Mann mit beneidenswertem räumlichen Vorstellungsvermögen und Tunnelblick, trommelt mit den Händen aufs Lenkrad und unternimmt an der Ampel erste Versuche, mir die Karte zu entreißen.

Endlich finde ich die E...straße.
„Hier nach links", schreie ich triumphierend, aber bereits fünf Minuten später dämmert mir, dass ich die Karte falsch herum gehalten hatte. Inzwischen befinden wir uns nicht mehr auf der Karte, das heißt, wir sind über den Rand der Karte hinaus gefahren. Wir sind weit ab vom Ziel. Versuche, meine Verwirrung zu verbergen, scheitern. In ärgster Verzweiflung drücke ich alle Knöpfe am Navi und schalte dabei aus Versehen das Radio aus.

Und dann passiert etwas Sonderbares. Der Fahrer zeigt auf die Straße, dann schaut er Richtung Sonne und sagt: „Also hier geht es nach Norden. Wir müssen in den Osten. Daher biege ich jetzt bei der nächsten rechts ab, da kommt die G...straße, die kenne ich, da geht es auch zur Autobahn, über die ist es am schnellsten, die fährt südöstlich, das heißt, wir fahren dann ..."
Während ich kein Wort verstehe und mit dem Kopf frustriert auf die Ablage des Beifahrersitzes hämmere, fährt er also den beschriebenen Weg und dann kommen wir tatsächlich mit nur 30 Minuten Verspätung an.

- Nur eines verstehe ich nicht: Warum hat er mir überhaupt die Karte gegeben?

zurück